Gegen Kapital und „Privatsphärensex“

Sie kämpfte gegen Altnazis, Kapitalismus und Vietnam-Krieg. Und setzte auf freie Liebe und politische Aktionen: die Kommune I, die vor 50 Jahren in Berlin gegründet wurde. Zum Jubiläum ein Gespräch mit Rainer Langhans, dem letzten „Ur-Kommunarden“.

science.ORF.at: Wie hat die gesellschaftliche Situation kurz vor der Kommune-I-Gründung ausgesehen?

Rainer Langhans: Bedrückend, eigenartig und bleiern. Wir, die Kinder der Mörder des Nationalsozialismus, mussten uns mit diesem furchtbaren Erbe auseinandersetzen. Die ganzen Nazis gab’s ja noch. Die saßen auch in der Regierung. Und plötzlich machten sie alle auf Demokraten, aber wir glaubten ihnen natürlich kein Wort. Wir empfanden die Verdrängung der ganzen Geschichte und diese Ausreden von wegen „Der Hitler war’s und wir konnten gar nichts dafür“ als furchtbar. Also versuchten wir mit unseren Eltern darüber zu reden, aber sie weigerten sich und verstanden gar nichts. Deswegen haben wir 1967 die Kommune gegründet. Dort wollten wir versuchen anders zu leben als unsere Eltern. Also keine Kleinfamilien mehr, keine Zweierbeziehungen, allgemeine Zärtlichkeit und kein Besitz.

dpa/Tobias Hase

Über die Person

Rainer Langhans wurde am 19. Juni 1940 in der deutschen Stadt Oschersleben geboren. Während seiner Zeit als Jura-Student an der Freien Universität Berlin, kam Langhans erstmals mit der Studentenbewegung in Kontakt. Doch die reinen politischen Debatten waren ihm zu wenig. Er wollte das gesellschaftliche System ändern. Und so schloss sich Langhans im März 1967 der kürzlich gegründeten Kommune I an. Nach deren Zerschlagung zog der Deutsche nach München. Dort verbringt der 76-ährige Autor seine Tage bis heute in einer „Liebesgemeinschaft“ mit mehreren Frauen. Von den Medien wird diese meist als „Der Harem“ bezeichnet. Rainer Langhans schreibt gerade an dem Buch „So Ist’s. Selfies von der Kommune bis zu Trump“, das demnächst auf seiner Homepage veröffentlich werden soll.

Wer waren die Gründungsmitglieder?

Das waren alles Mitglieder des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS). Dieser Studentenverband hat versucht, eine neue Linke aufzubauen und sich offensiv mit den Gräueln des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen, damit wir eben nie wieder in eine solche Situation kommen.

Warum trug die Kommune eigentlich den Namen Eins?

Ö1-Sendungshinweis

Mehr über die Kommune I können Sie vom 3. bis zum 7. April 2017 jeweils um 17.55 Uhr in einer Betrifft: Geschichte-Sendungsreihe erfahren, in der Rainer Langhans zu Gast ist.

Weil wir ganz selbstverständlich erwarteten, dass alle Menschen in Kommunen leben müssten, sonst würden sie gar nicht überleben. Wir betrachteten das als die Lebensform des neuen, des liebenden, des wirklichen Menschen. Da haben wir dann eben gesagt, gut wir fangen an und dann wird es unendlich viele Nachfolger geben, Kommune Tausend und so weiter. Das war aber leider nicht der Fall.

Wie viele Menschen lebten in der ursprünglichen Kommune I?

Etwa sieben bis neun. Später sind wir dann in eine Fabrik umgezogen, da lebten dann zeitweilig 15 bis 20 Leute in einem riesigen Raum. Aber zunächst wohnten wir am Stuttgarter Platz in einer großen Berliner Altbauwohnung im Rotlichtviertel. Nur dort hat man uns etwas vermietet, alle anderen haben sich geweigert.

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6. September 1967: Langhans bei einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg in Berlin

Wie sah Euer Alltag aus?

Wir lebten alle in einem Raum, damit wir uns nicht absentieren, nicht privat sein konnten. Und das empfanden wir anfangs natürlich als schwierig. Es stellte sich nämlich heraus, wie stark wir diese Besitzselbstverständlichkeiten verinnerlicht hatten. Ein Beispiel: Ich stand morgens auf und da sah ich, dass jemand mein Hemd angezogen hatte. Ich fragte ihn also: „Wieso hast du mein Hemd an?“. Und er antwortete: „Wieso dein Hemd? Das ist ein Hemd, das lag da und ich habe es mir halt genommen. Wir können alles miteinander teilen.“ Bei uns gab es einfach kein „Mein“ und „Dein“ mehr. Und natürlich gab es auch keine Zweierbeziehungen. Das hieß, dass wir jeden zärtlich behandelten und nicht mehr nur mit einem irgendwo in eine Ecke gingen und sagten: „Ich lieb nur dich.“ Das kam uns sowas von krank vor. Wir hatten gar nicht das Bedürfnis, in so eine verschwitzte, versteckte Körperlichkeit abzutauchen. Denn wir wollten doch nicht aus dieser allumfassenden Liebesbeziehung herausfallen. Damit gab es, wenn man so will, auch keinen Sex mehr.

Aber Sie haben doch auch die sexuelle Revolution mitvorangetrieben?!

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Uschi Obermaier 1970

Ja, aber erst als uns diese hohe Form der Liebe wieder abhandenkam. Da haben wir dann auch mit Sex experimentiert. Ich habe damals die Möglichkeiten dieser befreienden Sexualität gemeinsam mit Uschi Obermaier gelebt. Uschi fiel es übrigens anfangs sehr schwer, das so frei zu praktizieren. Als sie reinkam in die Kommune, waren ihre ersten Worte: „Um Gotteswillen, keine Privatsphäre. Da kann man ja keinen Sex haben.“ Ich habe ihr dann entgegnet, dass das sehr wohl geht. Denn das ist ja schlimm, dieser Privatsphärensex, dieser komische.

Irgendwann begannen die Mitglieder der Kommune dann auch Aktionen zu starten. Wie kam es zu diesem Wechsel vom revolutionären Wohnzimmer auf die Barrikaden?

Wir sind ja zuerst, in der sogenannten Klausurphase, nach innen gegangen. Nach drei Monaten haben wir dann gesagt, jetzt müssen wir auch wiedermal damit rausgehen. Wir haben uns also überlegt, wie wir uns der Öffentlichkeit vorstellen könnten, als etwas andere, erneuerte Menschen. Schließlich beschlossen wir den damaligen US-Vizepräsidenten Hubert Horatio Humphrey – der seine Berliner wiedermal besuchte, um sicherzustellen, dass sie vor den „bösen roten Russen“ beschützt werden – bloßzustellen. Wir wollten einfach zeigen, wie irre das ist. Dass da ein amerikanischer Vizepräsident, der sich als Kriegsherr aufspielt, auf Besuch kommt und sagt, er beschützt uns.

So kam es also zur Planung des sogenannten „Pudding-Attentats“. Warum eigentlich genau Pudding?

Was ist das Unaggressivste, das es gibt? Wir fanden eben Pudding. Und damit wollten wir ihn überschütten. Weil in diesem Augenblick wirkt jeder lächerlich.

Die Aktion ist allerdings fehlgeschlagen. Wieso?

Wir waren damals noch viel zu naiv und haben gar nicht daran gedacht, dass unser Telefon überwacht werden könnte. Das wurde es aber. Deswegen haben sie uns im Vorfeld festgenommen. Und zwar so richtig schön, mit vorgehaltenen Waffen und Gesicht zur Wand. So wie wir es später dann auch mit diesem Nacktfoto nachgestellt haben. Und dann behaupteten sie groß: „Elf Attentäter gefasst.“

Davon haben Sie sich aber nicht einschüchtern lassen …

Baujahr ’67 – Zeitreisen mit Ö1

Was hat 1967, das Gründungsjahr von Ö1 bewegt? Und was davon ist heute noch in Betrieb? In einem Jubiläumsschwerpunkt zum „50er“ begeben sich zahlreiche Sendungen auf Zeitreisen in Vergangenheit und Zukunft. Details zu den Beiträgen finden Sie auf Baujahr ’67 – 50 Jahre Ö1.

Nein. Denn wir haben dann auch andere Dinge gesehen, die wir angreifen, also lächerlich machen wollten. Zum Beispiel den Krieg in Vietnam. Wir haben damals in der Zeitung gelesen, dass in Brüssel ein Brandanschlag auf ein neues hochamerikanisches Einkaufszentrum, das „À l’innovation“, verübt worden war. Im Vorfeld hatten dort Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg stattgefunden, also dachten wir uns, das könnte auch ein Protest der merkwürdigen, aber auch verständlichen Art gewesen sein. Weil die Attentäter damit ausdrücken wollten, dass der Krieg auch hier bei uns angekommen ist, dass wir genauso Krieger sind, wie die USA in Vietnam. Aber der Großteil der Bevölkerung, als Vasall der Amerikaner, stellte sich hin und sagte, das seien ja unsere Verbündeten. Das würden die Amerikaner alles für den Westen tun und gegen den „bösen Kommunismus“. Wir dagegen waren der Meinung, dass jeder Krieg schlecht ist und die Menschen gar nicht wissen, was sie hier unterstützen.

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30. September 1967: Langhans nimmt mit einem Tonband seine Verhaftung auf

Wie sah also Ihre Reaktion aus?

Wir wollten ein wenig die Köpfe, die in diesem ganzen System feststeckten und den Vietnamkrieg einfach so hinnahmen, anzünden. Also haben wir in Bezug auf den Brandanschlag in Brüssel Flugblätter geschrieben und verteilt, auf denen stand: „Das war ein entschiedener und richtiger Protest. Und wann brennen die Berliner Kaufhäuser?“

Bei dem Brüsseler Brandanschlag verloren mehr als 300 Menschen ihr Leben. Wieso haben Sie so ein Attentat sprichwörtlich befeuert?

Wir wollten einfach deutlich machen, dass sich die Gesellschaft an diesem Krieg beteiligt, und die Menschen dazu bringen endlich Verantwortung zu übernehmen. Wohlgemerkt, wir haben nur Flugblätter verteilt.

Nichtsdestotrotz wurden einige von Ihnen verhaftet.

rainerlanghans.de

Das berühmte Bild vom Juni 1967

Weil sie so empört waren, haben sie halt etwas konstruiert. Sie meinten, wir hätten eine Anstiftung zur Brandstiftung begangen und dabei Menschenleben gefährdet. Ich kam damals nicht ins Gefängnis, später aber sehr wohl. Ich wurde in Untersuchungshaft genommen, weil man mir die Vorbereitung eines Attentats auf den Bundespräsidenten Gustav Heinemann vorwarf.

Wie erlebten Sie Ihre Zeit im Gefängnis?

Ich fand das zunächst natürlich ganz furchtbar. Ich war auch in einer Art Isolationshaft, durfte keinen Kontakt zu anderen haben. Schlimmer für mich ist aber noch gewesen, dass ich von Uschi Obermaier getrennt wurde. Doch mit der Zeit fand ich mich dann ganz gut damit zurecht. Ich habe diese Phase auch ein bisschen dazu genutzt, wieder in mich zu gehen. Wir waren draußen ja andauernd mit diesen Aktionen beschäftigt und da blieb keine Zeit mehr für eine Auseinandersetzung mit sich selbst. Aber als ich dann entlassen wurde, stand eines für mich fest: Ich wollte sicher nicht nochmal ins Gefängnis gehen. Ich hatte das auch an Fritz Teufel (einer der Gründungskommunarden Anm.) gesehen, der acht Monate in Untersuchungshaft gewesen war, und davon einen echten Schaden weg hatte.

Es gab dann auch innerhalb der Kommune heftige Auseinandersetzungen über die zukünftige Ausrichtung, oder?

Baujahr ’67 Fundgrube

Woran erinnern Sie sich, wenn Sie an das Jahr 1967 denken? Welche Gegenstände aus dieser Zeit haben Sie noch? Für unser „kollektives Epochenporträt“ sammeln wir Fundstücke aller Art: Texte und Bilder, kurze Audios und Videos, die Sie ganz einfach auf die Ö1 Homepage stellen können.

Wir waren leider ein Stück weit in die alten Muster zurückgefallen und stritten uns auch wieder. Aber sicher ganz anders, als uns von außen höhnisch unterstellt wurde, so nach dem Motto: „Haha, bei euch ist ja auch alles beim Alten. Dabei habt ihr behauptet, ihr seid nun neue Menschen.“ Und ja, wir hatten Auseinandersetzungen bezüglich der Zukunft. Ich habe, in Abgrenzung zu Dieter Kunzelmann (auch er war Kommunarde der ersten Stunde Anm.) und Fritz Teufel, gesagt, dass es ganz bestimmt nicht der richtige Weg ist, in einen Krieg mit der Gesellschaft einzutreten. Die beiden hingegen beteiligten sich später an der ganzen Terrorismusphase, aus der dann auch die RAF (Rote Armee Fraktion Anm.) hervorgegangen ist.

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Juli 1968: Prozess gegen die Kommunarden Dieter Kunzelmann, Rainer Langhans und Fritz Teufel (v.l.)

Wie sah Ihre Vision aus?

Ich wollte, mitausgelöst durch Uschi, mehr mit Frauen machen. Weil für Frauen ist dieses kriegerische Verhalten der Männer normalerweise unerträglich. Daraufhin haben einige gesagt, das geht aber nicht. In Berlin wird Krieg geführt und wer nicht mit Krieg führt, ist ein Verräter.

Im November 1969 wurde die Kommune I schließlich nach 34 Monaten komplett aufgelöst. Wie kam es dazu?

Wir hatten uns mit Rockern im Berliner Märkischen Viertel befreundet, die wir ein wenig von ihrer aggressiven Art abbringen wollten. Die sagten irgendwann, dass wir ihnen zu wenig abgeben würden, zu viel in den Medien präsent wären, also im Grunde Arschlöcher und gar keine richtigen Kommunarden seien. Und diese Rocker haben dann schließlich die Kommune gestürmt und uns alle zusammengeschlagen. Ich war übrigens der letzte von den Urkommunarden, den sie vertrieben haben. Im Anschluss bin ich dann nach München gegangen.

Audio: Langhans erzählt, wie es nach der Zerschlagung der Kommune weiterging

Heutzutage sprießen überall Wohngemeinschaften hervor. Betrachten Sie diese als Erbe der Kommune I?

Diese Wohngemeinschaften sind keine Kommunen. Sie sind Gemeinschaften, die nur das Ökonomische miteinander teilen, nicht aber das Geistige. In der Kommune hingegen suchen die Menschen nach einer inneren Verbindung, wenn Sie so wollen, nach einer gemeinsamen Spiritualität.

Interview: Daphne Hruby, Ö1-Wissenschaft

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Publiziert am 03.04.2017

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