Warum Fußballer Freikirchen beitreten

In Westafrika haben viele junge Männer den gleichen Traum: Sie wollen als Fußballer in Europa das große Geld machen. Der Kulturforscher Niko Besnier hat die Hintergründe untersucht – und Verbindungen zum christlichen Fundamentalismus entdeckt.

science.ORF.at: Herr Besnier, Sie beschäftigen sich unter anderem mit Globalisierung und Neoliberalismus. Haben Sie Michel Houellebecqs Buch „Die Ausweitung der Kampfzone“ gelesen?

Niko Besnier: Ich kenne den Autor und einige seiner Bücher, aber nicht dieses.

Darin zeichnet er das Bild einer deregulierten Zwei-Klassengesellschaft. Der „sexuelle Neoliberalismus“, wie er es nennt, hat ihm zufolge auf dem Marktplatz der Partnerwahl wenige Gewinner erzeugt – und viele, die noch weniger haben als früher. Genauso wie in der Ökonomie. Ist das als soziologische Aussage haltbar?

Ich halte das für eine zu grobe Vereinfachung. Schon allein deswegen, weil ich Schwierigkeiten habe, hier Klassen zu definieren. Die Geschmäcker sind verschieden und für jeden Geschmack gibt es auch einen Abnehmer. Aber es gibt einen Aspekt, den ich in diesem Zusammenhang interessant finde: Menschen die extrem arm, aber sehr attraktiv sind, können die Hierarchien des Wohlstandes auf den Kopf stellen. Das Gleiche ließe sich übrigens auch für den Sport behaupten, wo außergewöhnliche körperliche Begabungen die soziale Ordnung aufbrechen.

Czepel/ORF

Niko Besnier erforscht an der Universität Amsterdam die Verbindungslinien zwischen Globalisierung, Gender, Sport und Sprache. Am 16. März hielt er in Wien an der Akademie der Wissenschaften den Vortrag: „Rethinking Masculinity Through Sport: Cameroonian Footballers, Senegalese Wrestlers, and Fijian Rugby Boys“.

Houellebecqs Diagnose, dass der Neoliberalismus andere Formen als nur die bekannten ökonomischen annehmen kann, würden sie nicht zustimmen?

Doch, das sehe ich auch so. Neoliberalismus ist eine spezifische Form des Kapitalismus, in dem ausschließlich der Markt diktiert, wie Kapital fließt, während sich die Regierungen im Gegenzug zurückziehen. Das hat auch Auswirkungen jenseits des Kapitals: Der Neoliberalismus definiert unser Selbstverständnis, er definiert, wer wir sind. Er macht uns alle zu kleinen Firmen, die ihre Assets verkaufen. Zu Zeiten des Fordismus war das noch ganz anders. Damals schlossen Arbeiter und Firmen ein unausgesprochenes Abkommen, das vorsah: Die Firma kümmert sich um den Angestellten und der Angestellte ist loyal bis zu seiner Pensionierung. Das gibt es heute kaum mehr, die Arbeitsverträge sind zeitlich begrenzt, was zählt, ist nur das Hier und Jetzt. Diese Unsicherheit erzeugt eine andere Sorte Mensch. Sie beeinflusst unseren Alltag, unsere Beziehungen, unseren Blick auf die Zukunft.

Ihre Hypothese lautet: Neoliberalismus, Sport und das Konzept von Männlichkeit formen ein Dreigespann, vor allem in Ländern des globalen Südens. Wo liegt die Verbindung zwischen diesen drei Bereichen?

Der Sport hat sich seit den 80er Jahren extrem verändert: Er hat heute nicht nur eine viel prominentere Position in der Medienlandschaft – denken Sie nur an all die privaten TV-Kanäle, die ausschließlich Sport übertragen -, er erreicht heute selbst die entlegensten Ecken dieser Welt. Früher galt Sport als eine Form der Freizeitgestaltung, heute ist Sport ein medial beleuchteter Arbeitsmarkt, in dem sich gigantische Summen verdienen lassen. Die Bilder von erfolgreichen Sportlern erzeugen bei den Zuschauern Träume von einer Sportkarriere, speziell bei jungen Männern aus armen Ländern. Ihre Vorbilder entstammen nun einem globalisierten Markt.

Wie kam es dazu, dass die TV-Bilder so an Einfluss gewannen?

In den Ländern, die wir untersucht haben, sind im gleichen Zeitraum die Volkswirtschaften kollabiert. Kamerun, die Elfenbeinküste und Senegal etwa galten einst als Vorzeigeökonomien der Entwicklungsländer, doch heute liegen diese Länder wirtschaftlich am Boden. Sie konnten nach der Öffnung der Märkte nicht konkurrieren. Senegal produzierte zu Zeiten des Kolonialismus Erdnüsse, in der postkolonialen Ära brach der Export ein. Und da Senegal nichts anderes hatte als Erdnüsse, musste sich das Land Geld vom Internationaler Währungsfonds und von der Weltbank borgen – allerdings gebunden an sehr strikte Auflagen: Minimierung des staatlichen Einflusses, Abbau der Verwaltung, der Bürokratie. Das führte in einen Teufelskreis. Senegal und Kamerun wurden dadurch zu wirtschaftsliberalen Ländern, in denen es weder Arbeit für die Landarbeiter gibt, noch für die besser Gebildeten.

BERTRAND LANGLOIS / AFP

Vorbilder: Bei Didier Drogba und Samuel Eto’o wurde der Traum von der Fußballerkarriere Wirklichkeit

In dieses Vakuum stößt nun der Sport – der freilich seinerseits den Regeln der Globalisierung gehorcht: Die Suche nach preiswerten Talenten in immer entlegeneren Regionen ist Teil des internationalen Konkurrenzkampfes von Vereinen. Es geht ums Kaufen und Verkaufen. Ich verwende diese Wörter bewusst, das ist das Vokabular auf diesem Markt. In Westafrika sind in den letzten Jahren sehr viele Fußballakademien entstanden. Der Zustrom ist enorm – wir sprechen hier von Kindern, zwölf bis 14 Jahre alt. Sie alle träumen davon, einmal bei Real Madrid zu spielen.

Was natürlich nur den wenigsten gelingt.

Der Traum bleibt ein Traum, aber das Entscheidende ist: Alle jungen Männer glauben daran. Und weil viele die Verträge nicht lesen können, die sie unterschreiben, lassen sie sich leicht ausbeuten.

Wie Sie nachweisen, ging die Globalisierung des Spielermarktes mit dem Aufstieg der Pfingstbewegung Hand in Hand. Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Um ehrlich zu sein: Uns hat diese Verbindung auch überrascht. Natürlich war mir schon früher bewusst, dass sich die Pfingstbewegung wie auch andere Formen des religiösen Fundamentalismus stark im Aufwind befindet. Vor allem in Südamerika, Afrika und im pazifischen Raum ist die Pfingstbewegung stark. Warum hat sie solchen Zulauf? Weil sie mehr als die traditionellen Kirchen anbieten kann: Sie bietet kosmopolitische Träume, sie bietet dem Einzelnen Teil einer weltweiten Bewegung zu sein, die die Grenzen der Armut zu überwinden vermag. Und vor allem: Sie predigt das Wohlstandsevangelium, das man mit dem Satz zusammenfasen kann: Wenn du dich Gott hingibst, wird er sich dir gegenüber materiell erkenntlich zeigen. Es ist nichts falsch daran, reich zu sein.

Was an Max Webers Einsicht erinnert, dass die protestantische Arbeitsethik den Kapitalismus befördert hat.

Der Gedanke ist ähnlich, nur ist der Zusammenhang in diesem Fall noch um Potenzen stärker.

Bleiben wir beim Beispiel Fußball: Gibt es nun unter Profispielern tatsächlich mehr Angehörige der Pfingstbewegung?

Absolut, das ist ein bestens dokumentiertes Phänomen. Meine Kollegin Carmen Rial hat etwa nachgewiesen, dass es unter brasilianischen Fußballern mittlerweile sehr viele Mitglieder der Pfingstkirche gibt. Die Teams sind darüber durchaus erfreut.

AP Photo/Alex Menendez

Prominentes Mitglied der Pfingstbewegung: der Brasilianer Kaká

Warum?

Weil sie nicht in Sportwagen herumrasen, sich nicht in Kurzzeitaffären verlieren und sich in keine Schlägereien verwickeln lassen. Das ist genau das, was die Industrie will: Spieler mit gutem Benehmen, bescheidene und gute Teamkameraden. Das gilt selbst für säkulare Gesellschaften wie zum Beispiel Frankreich. Das Rugby-Team in Montpellier ist durch den Einfluss von zwei Teammitgliedern vollständig zur Pfingstbewegung übergetreten.

Das ganze Team?

Ich kann nicht ausschließen, dass es ein, zwei Ausnahmen gibt. Doch der allergrößte Teil des Teams ist konvertiert. Hier spielt natürlich noch ein anderer Aspekt mit: Den Spielern ist bewusst, dass ihre Karriere nicht ewig dauern wird. Sie denken sich: Danach kann ich immer noch Prediger werden. Ein Promi-Prediger – das ist gar keine schlechte Wahl für die Zeit nach der Sportkarriere. Man kann auf diese Weise tatsächlich eine Menge Geld verdienen. In Brasilien gibt es auch immer mehr Politiker, die der Pfingstkirche angehören, die politische Kultur des Landes ist in Bewegung, sie verändert sich zu etwas völlig Neuartigem.

Wie reagieren die jungen Männer aus den Industrienationen auf den Neoliberalismus, gibt es da ähnliche Muster?

Ich glaube, dass man unsere Forschungsergebnisse relativ leicht auf die Industrienationen übertragen kann, die Krise der Männlichkeit im globalen Süden hinterlässt auch im globalen Norden ein Echo. Die Arbeiterklasse ist kollabiert, die Industrien, in denen die Väter und Großväter der Arbeiter tätig waren, gibt es nicht mehr. Ähnliches ließe sich auch für die Mittelschicht behaupten.

Der britische Medienwissenschaftler Jamie Hakim hat nachgewiesen, dass sich junge Männer in Großbritannien nun vermehrt über Äußerlichkeiten wie Fitness und Tattoos statt über Bildung und Arbeit definieren. Oder, wie er es nennt: über „spornosexuelle“ Motive.

Viele junge Männer weigern sich heutzutage, Jobs im Dienstleistungsgewerbe anzunehmen. Nicht nur, weil sie häufig schlecht bezahlt sind, sondern auch, weil sie diese Arbeit als feminin betrachten. Dass sich im Gegenzug Fitness und Tattoos im Aufwind befinden, könnte man im gleichen Sinn interpretieren. Ob es hier eine kausale Verbindung gibt, weiß ich nicht.

Wo kommen eigentlich all die Tattoos her, die heute vor allem im Profifußball so in Mode sind?

Was Rugby betrifft, ging die Verbreitung der Tattoos wohl vom Pazifischen Raum aus, von den Teams aus Fidschi, Tonga und vor allem Samoa. Die Samoaner sind jene Inselgesellschaft, die ihre Tattoo-Tradition am erfolgreichsten gegen missionarische Verbote verteidigt hat.

Und außerhalb der Rugby-Szene?

Das liegt jenseits meiner Expertise. Vielleicht hat die Tattoo-Mode ihren Ursprung tatsächlich im Rugby. Ich lebe in den Niederlanden – ein Land, das mit den pazifischen Inseln nichts zu tun hat – wenn ich dort ins Fitnessstudio gehen, stelle ich fest: Die jungen Männer tragen heutzutage Tattoos, die aus Samoa und Tonga stammen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie sich dessen bewusst sind. Ich kenne die Motive durch meine Forschungsaufenthalte jedenfalls sehr gut. Im Übrigen habe ich selbst so ein Tattoo am Arm – aber meines ist echt.

Interview: Robert Czepel, science.ORF.at

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Publiziert am 29.03.2017

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